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ISSN 1862-7617
Publikationen - Wettbewerbe - 3. Beitragswettbewerb - 10-2001
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HFR 10/2001, S. 1
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HFR 2001, S. 71
 

Stefan Haack

THE MIGHTY SHIP OF STATE - Fragen zum Staatsbild von Leonard Cohen

 

 

Erstens: Formeln als Ausdrucksform

 

1

Das Denken, das bei seiner Beschäftigung mit bestimmten Erscheinungen nach Kausalitäten sucht, findet seinen Ausdruck, wenn es sie verdeutlichen will, im Realismus. Die realistische Schilderung eines bestimmten Hergangs kann den Zusammenhang von Ursache und Wirkung deutlicher als andere Darstellungsformen bewußt machen1. Dort jedoch, wo sich ein Stoff diesem Deutungsmuster verschließt und der Betrachter ein Geschehnis und dessen Vorgeschichte in einem anderen als einem kausalen Zusammenhang einander zuordnet, endet die Darstellungskraft des künstlerischen Realismus. Mittel des Ausdrucks sind dann Gleichnisse, Metaphern und Formeln. Man findet sie, wo sich ein einzelnes Bewußtsein oder der Geist einer ganzen Epoche vom Denkmuster der Kausalität löst - sei es in der frühesten deutschen Romantik oder bei einzelnen Vertretern des Existenzialismus und der katholischen Moderne2.

 

2

Gleichnisse und Metaphern sind ihrem Wesen nach konkret. Sie ziehen eine Parallele, anhand derer sich dieser oder jener Gedanke auf den eigentlich gemeinten Gegenstand der Betrachtung übertragen läßt, der selbst unausgesprochen bleibt. Metaphern und Gleichnisse veranschaulichen die Zusammenhänge anhand eines Bildes; sie spiegeln das Gemeinte in einem fremden Gegenstand. Um Formeln handelt es sich, wo kein greifbares Bild, sondern eine Verknüpfung allgemeiner, ungegenständlicher Begriffe das Gesuchte kennzeichnet3. Sie vertreten nicht wie ein Beispiel im Bild das Ganze, sondern grenzen es ab, indem sie es mit Hilfe von ausfüllungsfähigen Begriffen identifizierbar werden lassen. Formeln entbildlichen das Gemeinte; ihre variablen Glieder kennzeichnen durch die Art ihrer Verknüpfung einen Zusammenhang und erfassen so dasjenige, was zueinander in einer solchen Beziehung steht. Während sich Gleichnisse und Metaphern durch einen bestimmten Vergleich begreifen lassen, erschließt sich die Substanz der literarischen Formel durch gedankliche Subsumtion4. Mehr als die anderen Darstellungsformen zielt sie auf die inwendige Struktur eines beispielhaften Geschehnisses oder einer typischen, immer wiederkehrenden Situation.

 

3

Gewöhnlich verhält es sich dabei so, daß man über das Objektive realistisch und über das Subjektive, über die eigene Vorstellungswelt und das persönliche Befinden, in Bildern, Gleichnissen oder Rätseln berichtet. Interessanter wird es dort, wo dieses Gesetz mißachtet und aufgebrochen wird und Metaphern, Gleichnisse oder Formeln die Phänomene des objektiven Geistes kennzeichnen. Dem Staat und seiner Verfassungsordnung, so scheint es, hat man sich stets rationell und mit Respekt für die wissenschaftlich bestätigten, kausalen Gesetzmäßigkeiten zu nähern, wenn man ihn darstellen und seine Zusammenhänge vor Augen führen will. Dennoch ist Staatsdenken nicht notwendigerweise kausales-rationelles Denken5. Darstellung und Deutung des Staates sind - die Literaturgeschichte zeigt es - keine Privilegien des Realismus.

 

4

Die folgenden Abschnitte befassen sich mit dem Bild eines Dichters vom Staat, anhand einer Dichtung, deren Verse wie Formeln die Lage des Leviathan in unserer Gegenwart wiedergeben. Die Besonderheiten dieser Ausdrucksform wurden der weiteren Betrachtung vorausgeschickt, weil sie in entscheidendem Maß für jene Verse kennzeichnend sind, um die es nun geht. Sie begreifen zu wollen, heißt Formeln zu deuten.

HFR 10/2001, S. 2
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HFR 2001, S. 72
 

Zweitens: Die vertonten Gedichte des Sängers Leonard Cohen

 

5

Leonard Cohen, der kanadische Romanautor, Lyriker und Sänger, veröffentlichte 1992 als Achtundfünfzigjähriger ein Album mit acht neuen, von ihm selbst geschriebenen Songs, dessen Name schlicht "The Future" lautet. Unter diesen acht Stücken widmet sich eines - wie kein anderer Titel von Cohen zuvor und seither - der Zukunft des amerikanischen Staates. Sechsmal wiederholt der Sänger in diesem Lied leitversartig die einprägsame Zeile:

 

6

"Democracy is coming to the U.S.A."

 

7

Das in diesem Lied entworfene Staatsbild, das eine nicht allzuferne Zukunft in den Blick nimmt und hierbei von unserer Gegenwart (das heißt, der Gegenwart des Jahres 1992) ausgeht, soll hier nachgezeichnet und zugleich gedeutet werden.

 

8

Cohen begann als Lyriker und lyrischer Erzähler und blieb es, auch als er dazu überging, seine Gedichte zu vertonen. Seine Lieder sind keiner Strömung zuschlagbar; wer sich mit ihm beschäftigt hat, kennt die Schwierigkeit, sie irgendwohin einzuordnen6: Leonard Cohen hat sich nicht nur einer vordergründigen politischen Identifizierung stets entzogen. Ebensoschwer fällt es zu entscheiden, ob das Unzeitgemäße seiner Texte aus einem Verwurzeltsein in einer weit zurückliegenden Vergangenheit herrührt oder Ausdruck eines Blicks in unsere Zukunft ist, zu dem wir bisher noch nicht imstande sind7.

 

9

Die Haltung, mit der sich Leonard Cohen dem Stoff Zukunft auf dem Album "The Future" zuwendet, legt er bereits im ersten, dem Titelstück der CD andeutungsweise dar, wenn es in dessen Anfangsvers heißt:

 

10

"Give me back my broken night

 

my mirrored room8, my secret life."

 

11

Wie sich zeigen wird, umgreift und verallgemeinert diese Formel Leonard Cohens Sichtweise auch im Hinblick auf einen der wichtigsten Ausschnitte der uns erwartenden Welt: den zukünftigen Staat.

HFR 10/2001, S. 3
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HFR 2001, S. 73
 

Drittens: Drei Hauptgesichtspunkte

 

12

Bevor nun Cohens Formulierungen im einzelnen durchleuchtet und gedeutet und die daraus sich ergebenden Anhaltspunkte zu einem fertigen Bild zusammengefügt werden können, soll ein erster Blick auf den Text einen Überblick über die Themen bringen, von denen das Stück handelt. In welcher Weise sind sie im Lied miteinander verknüpft?

 

13

"Democracy" ist zuerst ein Stück über die Quellen, aus denen sich Leben und Charakter des Staatsganzen, sein Gelingen und sein Scheitern, speisen. Die ersten drei Strophen diagnostizieren teils unmittelbar und teils anhand uns begegnender Symptome den Ursprung und die Richtung seiner Entwicklung. Der Sänger sucht jene Anzeichen auf, an denen sich das Wohin der Verfassung von Staat und Gesellschaft ablesen läßt. Er faßt sie in Formeln, die stets mit den Worten "It's coming from ..." beginnen und die - jede für sich - ein Stück vom Ursprung der gegenwärtigen und der zukünftigen politischen Gestaltung zutage treten lassen. Welche Gesichtspunkte sind das und welche Richtung wird Cohen erkennbar?

 

14

"Democracy" ist zugleich eine Äußerung über die individuellen Verhaltensweisen in dieser Bewegung, in die Staat und Gesellschaft geraten sind. Der Sänger skizziert die Reaktion9 des einzelnen, ohne sie zu kommentieren und ohne den Hörer gewiß werden zu lassen, inwieweit es auch seine eigene ist. Es ist eine bemerkenswerte Eigenart seiner Verse, daß er, so oft er ein lyrisches Ich zu Wort kommen läßt, sich hinter diesem nahezu perfekt verbirgt.

 

15

"Democracy" ist schließlich ebenso ein Lied über Amerika, das, in einer Weise, die es noch zu zeigen gilt, auch uns betrifft. Die Welt, an die man sich zum besseren Verständnis zurückerinnern muß, ist die im Umbruch begriffene Zeit der späten achtziger und frühesten neunziger Jahre. So spricht "Democracy" von den "nights in Tiananmen Square" und "The future" vom Fall der Mauer in Berlin. Sieht Cohen bereits die ersten Vorboten eines stillen Umbruchs im Westen, als sich alle Augen auf die Reformen und Revolutionen im Osten richten?

 

16

"The blizzard of the world has crossed the threshold

 

and it has overturned the order of the soul."

 

heißt es in "The future".

 

17

Diese drei Aspekte - die Formeln des "It's-coming-from ...", das Verhalten des einzelnen und die Rolle Amerikas - kennzeichnen "Democracy". Das Lied beginnt mit dem Blick auf die Ursachen (in den Strophen eins bis drei), bevor es zu den Besonderheiten des Staates kommt, um den es in erster Linie geht (in Strophe vier). Erst am Ende (in der fünften und sechsten Strophe) wendet es sich zum einzelnen und seiner Rolle in der Entwicklung des Ganzen. Anhand des Textes ist diesen Punkten nun Schritt für Schritt nachzugehen.

HFR 10/2001, S. 4
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HFR 2001, S. 74
 

Viertens: Die Formeln vom Ursprung des Wandels im einzelnen

 

18

Den Text der ersten drei Strophen prägen zwei stereotyp wiederholte Wendungen, die den einzelnen Gedankenzusammenhang einleiten. Es handelt sich um die Formulierungen "It's coming from..." bzw. "It's coming through...". In der fünften Strophe kehrt eine davon in einer anderen Beziehung noch einmal zurück. Wessen Kommen sie ankündigen, erfährt man im letzten Vers jeder Strophe, wo es stets heißt: "Democracy is coming to the U.S.A." Erwartet Cohen nicht eine Ankunft, die längst stattgefunden hat?

 

19

"It's coming through a hole in the air

 

from those nights in Tiananmen Square."

 

20

Der Text beginnt unvermittelt mit der Vorhersage, daß vom Himmel etwas auf uns herabkommt, etwas, das durch die Geschehnisse auf dem Tiananmenplatz aus China herüberschwappt. Wer hier schon weiß, daß von "Democracy" die Rede ist, kann den Zusammenhang zum Platz des himmlischen Friedens erschließen. Wie kaum ein anderer Ort der Welt verkörpert dieser Platz in Peking die Niederschlagung einer Erhebung für mehr Demokratie. Sind von dort, wo für eine demokratische Verfassung erfolglos gekämpft wurde, Funken zu uns übergesprungen, die hier etwas bewegten? Inwieweit kräftigen Ereignisse dieser Art die freiheitlichen und demokratischen Grundordnungen in den Ländern, wo sie bereits bestehen? Es erscheint ungewiß, ob sie uns den Wert der eigenen Demokratie bewußt machen können; und es wird um so fraglicher, je mehr sich die Medien auf derartige Geschehnisse werfen und sie in einer Weise berichten, welche die eigene Gefährdung vergessen macht.

 

21

"It's coming from the feel

 

this ain't exactly real,

 

or it's real

 

but it ain't exactly there."

 

22

Der Sänger begnügt sich mit der oben wiedergegebenen Andeutung und kommt nun zum nächsten Teil des Ursprungs: der Empfindung, daß möglicherweise etwas nicht stimmt. Die Dinge, die wir für die wirklichen halten, könnten in Wahrheit gar nicht die wirklichen sein. Es geht also um den Zweifel, sich möglicherweise selbst zu betrügen, und das unbestimmte Gefühl, betrogen worden zu sein. Hegen wir die Furcht des Unsverschwendens an etwas Unwesentliches10? Die Frage, die uns hier interessiert, ist die grundsätzliche Haltung des einzelnen seiner Gemeinschaft und seinem Staat gegenüber, wenn derartige Ungewißheiten ihn plagen. Die Staatsform der Demokratie bindet den Bürger aktiv in die Gestaltung des Staatsganzen ein11 und ist auf seinen Mitgestaltungswillen angewiesen. Sie setzt ein bestimmtes Maß an Sinn für die Fragen der Wirklichkeit, aber auch an grundsätzlicher Zustimmung zu ihr voraus. Die demokratische Form beruht zuletzt auf dem Gedanken einer gestaltbaren Gegenwart, für die jeder einzelne und in der Summe das Volk als Ganzes die Verantwortung trägt. Religiöse oder philosophische Anschauungen, die der Wirklichkeit in der Frage ihrer Bedeutung und ihrer Gestaltbarkeit dieses geringste Maß an notwendiger Gefolgschaft versagen, sind, solange sie konsequent bleiben, nicht imstande, Demokraten zu erziehen. Sie tendieren zur Abkehr von einem Staat, dem sie für ihren Begriff von Wirklichkeit keine Bedeutung zumessen. Die Stimmung, die Cohen beschreibt, ist deshalb nicht geeignet, den Geist einer Demokratie zu fördern und zu festigen.

 

23

"From the war against disorder

 

from the sirens night and day

 

from the fires of the homeless

 

from the ashes of the gay:

 

Democracy is coming to the U.S.A."

 

24

Wohlstand und Sicherheit festigen die staatliche Ordnungsform. Der demokratische Staat, dessen Schicksal unmittelbar in den Händen eines Volkes liegt, muß sich deshalb in besonderer Weise darum bemühen, den Schutz seiner Bürger zu gewährleisten. Innere Sicherheit ist ebenso wie der soziale Wohlstand conditio sine qua non einer Verfassungsordnung12, in welcher der einzelne das Gesamte verantwortet. Er kehrt dem Staat seinen Rücken zu und sucht für sich Schutz, wenn dieser nicht mehr imstande ist durchzusetzen, daß jeder einzelne Bürger seinen Teil der Hobbes'schen Abmachung13 erfüllt. Diejenigen, die selbst nicht in der Lage sind, für ihren eigenen Schutz zu sorgen, wenden sich dann leichter denen zu, die vorgeben, die staatliche Ordnung wiederherstellen zu können, auch um den Preis, daß sie sich vom freiheitlichen Konsens lösen. Der demokratische Staat darf deshalb weniger als jeder andere den "Zusammenhang von Schutz und Gehorsam"14 zerreißen lassen; er darf nicht Loyalitäten erwarten, ohne seinerseits Schutz zu bieten. Deshalb hat es mehr als nur friedensstiftende Bedeutung, wenn die Polizei in New York und anderen Städten in einer Offensive darum gekämpft hat, Terrain zurückzugewinnen. Mißverhältnisse, die an dieser Stelle aufbrechen, gefährden ein demokratisches System, dessen Fortbestand davon abhängt, daß sich auch der einzelne mit dem vom Willen des Volkes errichteten Staatsgebäude identifiziert.

 

25

Cohen sieht auch den Zusammenhang von Demokratie und Wohlstand15 und versteht, daß Systemstabilität und soziales Gleichgewicht bei allen Schwankungen, die eine Gesellschaft verkraftet, in dieser und in der entgegengesetzten Richtung voneinander abhängen. Je weniger Menschen sich noch als Bürger, als gesellschaftliche Mitte verstehen, desto bedenklicher steht es um die demokratische Gestaltbarkeit des Ganzen, weil es dann immer weniger sind, die sich noch miteinander und mit dem ganzen verbunden fühlen. Staaten ohne breite Mitte gewinnen ganz automatisch aristokratische Züge16.

 

26

Was sich in den vorherigen Versen angedeutet hat, wird an dieser Stelle gewiß: Leonard Cohen beschreibt nicht, was die Demokratie festigt, sondern bezeichnet die Übel, die sie zersetzen und ihre Idee zugrunde richten.

 

27

"It's coming through a crack in the wall

 

on an visionary flood of alcohol."

 

28

Die Demokratie drang nach Budapest, nach Prag und nach Leipzig durch Risse im Eisernen Vorhang, durch die hindurch das Volk die demokratische Perspektive vor Augen hatte. Die sozialistischen Regierungen versuchten vergebens, mit sichtbaren und unsichtbaren Mauern ein Hereindringen jener Ideen, die sie am meisten fürchteten, aufzuhalten. Wenn man "wall" in diesem Sinn interpretiert, besingt auch Cohen hier die Risse im Sicherheitssystem einer Verfassungsordnung, durch die nun das hereindringt, was die bestehende Ordnung am stärksten gefährdet. Die Mauern, um die es geht, sind die politischen und gesellschaftlichen Tabus eines Staates, wie sie auch eine freiheitlich-demokratische Ordnung kennt. Durch ihre Risse dringt immer stärker eine schleichende oder öffentliche Verweigerung gegenüber jenen hergebrachten Grundwerten, auf denen die demokratische Ordnung errichtet wurde - sei es, weil sie von vielen als überholt angesehen und bewußt verworfen werden oder weil sie dem einzelnen fremd erscheinen und nicht länger nachvollziehbar sind. Die Normen der Verfassung sind ebensowenig wie die des einfachen Rechts für sich genommen ein taugliches Mittel, diesem Prozeß entgegenzuwirken. Sie setzen den Konsens in einem bestimmten Umfang vielmehr voraus. Durch den Riß dringt so auch in die rechtlich und politisch abgesicherte Ordnung ein Geist, der bereit ist, sich von ihr zu lösen.

 

29

Die Flut, von der Cohen im nächsten Vers spricht, versinnbildlicht das komplette Spektrum der uns zur beliebigen Auswahl sich anbietenden Süchte. Sie verhelfen dem, der es braucht, dazu, die Beziehung zur Gegenwart zu verlieren; Süchte sind Fluchtbewegungen aus der Gesellschaft ins allerinnerste Private. Bei seiner überhandnehmenden Verbreitung ist fast jedes Suchtmittel geeignet, eine auf den Mitwirkungsrechten des einzelnen errichtete Gemeinschaft zu ruinieren.

 

30

"From the staggering account

 

of the Sermont on the Mount

 

which I don't pretend to understand at all."

 

31

Übergangslos erreicht Cohen sogleich den nächsten Ursachenkreis und spricht vom Geist der Bergpredigt, von dem er, wie er sagt, letztendlich nichts versteht. Wenn Cohen die Predigt "staggering account" nennt, kennzeichnet er damit etwas, das - so scheint es - niemanden verpflichtet17. Er liest die Bergpredigt als Legende, deren Geist, aufs Ganze gerechnet, ohne Wirkungen bleibt.

 

32

Was verbindet den Geist dieser Predigt mit der Demokratie? Beide verlangen, daß der einzelne sich ein Stück weit zurücknimmt und für den anderen eintritt. Im demokratischen Staat übernimmt der einzelne einen Teil der Mitverantwortung für das Allgemeine. Sich auch für den anderen verantwortlich zu fühlen, ist - ob man es wahrhaben und beim Namen nennen will oder nicht - stets auch ein Ausdruck der caritas. Um den Geist einer Demokratie steht es schlecht, wo auch der Rest einer solchen Motivation aus dem politischen Leben entwichen ist und ein entfesselter Egoismus ihre Stelle einnimmt. Dann verselbständigt sich die politische Form und verliert die Verbindung zu ihrem Ideal; am Ende dieser Entwicklung ist sie als bloße Form austauschbar.

 

33

"It's coming from the silence

 

on the dock of the bay

 

from the brave, the bold, the battered

 

heart of Chevrolet:

 

Democracy is coming to the U.S.A."

 

34

Auch diese Verse sind Ausdruck des Pessimismus. Sie beschreiben eine Ruhe, die herrührt vom Stillgelegtsein; sie handeln dann vom Glauben an ein immer weiter voranzutreibendes Wachstum und einen nicht aufzuhaltenden Fortschritt; ein Traum, der mutig und kühn geträumt wurde und sich nun zerschlagen hat - und mit ihm ein Stück vom Selbstbewußtsein, das sich daraus speiste. Die Ernüchterung führt am Ende entweder zur Sichtweise des desillusionierten Realismus, der um Grenzen und Gefährdungen weiß - oder zur Resignation, wenn der einzelne miterlebt, wie auch seine persönliche Perspektive stillgelegt wird. Ein solcher von seinen Illusionen befreiter Realismus nutzt der Demokratie ebenso wie jedem anderen auf einem Wertekanon errichteten Staatsgebäude, so lange man ihn richtig versteht und ihn als Grenze des Machbaren auffaßt. Er schadet, wenn er zum Maßstab darüber gesetzt wird, welche der auf dem Spiel stehenden Werte gelten sollen18. Ein Realismus, der zur Ernüchterung gezwungen wurde, kann dazu beitragen, die Grenzen der Leistungskraft einer Sollensordnung (wie sie die Verfassung etabliert) zu erkennen und mitzuberücksichtigen. Ein Denken, das darüber hinausgeht und diesen Realismus selbst zum Bestandteil des jeweils Gebotenen macht, endet bei Macchiavelli. Der demokratischen Verfassungsordnung kommen Ernüchterung und Realismus insofern entgegen, als sie dazu verhelfen, Enttäuschungen von vornherein, soweit es eben geht, zu vermeiden. Können diese Wege auch dann noch beschritten werden, wenn der Traum einer ganzen Gesellschaft bereits zerplatzt ist?

 

35

"It's coming from the sorrow in the street

 

the holy places where the races meet

 

From the homocidal bitchin'

 

that goes down in every kitchen

 

to determine who will serve and who will eat."

 

36

Es ist Bestandteil der Grundüberzeugung einer jeden auf dem System der freien Wirtschaft beruhenden Ordnung, daß der einzelne es in seiner Hand hat, durch eigene Anstrengung das zu erreichen, was ihm als Lebensziel vorschwebt. Die eigene Leistung bestimmt der Idee nach darüber, wer auftischt und wer ißt. Cohen glaubt auch hier nicht mehr an Ordnung und sieht nicht nur diejenigen leiden, die zu bequem sind, sich ihren Wohlstand zu verdienen. Gilt das Versprechen noch, daß jeder die Chance erhält, vom Tellerwäscher (der auch serviert) aufzusteigen zum Millionär (der das Servierte verspeist), wenn er dafür einen hinreichenden Einsatz leistet? Die Gleichheit der Chance, es so weit zu bringen, ist gesellschaftlich von ebensolcher Bedeutung wie die Gleichheit im Recht, Einfluß aufs Ganze zu nehmen. Eine Gesellschaft, die sich n u r noch auf die politische Gleichheit gründet, hat sich vom Ideal der Demokratie und den Grundlagen ihrer Ordnung mehr als nur einen Schritt weit entfernt19.

 

37

Was halten diejenigen vom Staat, denen diese Chance gefehlt hat? Die Antwort darauf hängt von der Erwartung ab, mit der die Bürger ihrem Staat gegenübertreten. Sozialstaaten wie Deutschland enttäuschen ihre Bürger im Fall des Versagens ihrer sozialen Sicherungen bitterer als Länder, die gerade im Notfall auf die Selbstfürsorge des einzelnen setzen. Es kennzeichnet den Sozialstaat, daß sich seine Bürger an ihn binden und ihn zur Verantwortung ziehen wollen, wenn ihre Absicherung verlorengeht. Sobald er sie wiederherstellt, würden sie sich von neuem - und um so fester - an ihn heften. Staaten jedoch, die es mehr oder weniger dem Geschick des einzelnen überlassen, vorzusorgen und sich in Notfällen zu behaupten, verlieren für den einzelnen, der in eine solche Situation gerät, viel eher ihre Bedeutung. Er engagiert sich nicht stärker für einen Staat, als dieser sich auch für ihn interessiert.

 

38

"From the wells of disappointment

 

where the women kneel to pray

 

for the Grace of God in the desert here

 

and the desert far away:

 

Democracy is coming to the U.S.A."

 

39

Cohen spricht noch einmal von denen, die ausgesiebt wurden und zu den bereits beschriebenen Quellen der Enttäuschung hinabgestiegen sind. Sie bitten dort um Gnade, solange sie mit ihrer Enttäuschung kämpfen. Welchen Unterschied macht es (außer dem Zuteilwerden von Mitleid), ob der einzelne durch eigene Schuld hinabgefallen ist oder durch Umstände, die ihm niemand zum Vorwurf machen würde? Von welcher Schuld könnte hier die Rede sein? Cohen kennt diesen Unterschied nicht und gibt den Blick frei auf die Schwäche des Menschen.

 

40

"It's coming from the women and the men

 

O baby, we'll be making love again.

 

We'll be going down so deep

 

that the river's going to weep

 

and the mountain's going to shout Amen!"

 

41

Daß die Demokratie von Menschen herrührt, die sie errichten und tragen, empfinden wir als grundlegende Selbstverständlichkeit. Sie ist die Staatsform einer "von Menschen für Menschen gemachten Welt"20. Die Menschen, die Cohen hier beschreibt, sind privat und tun private Dinge. Die Natur ist Zeugin und Komplizin ihrer Privatheit. Sind sie tatsächlich noch die Determinanten einer Staatsform? Sind sie die Träger der zukünftigen Demokratie? Die Antworten hierauf werden deutlich, wenn Leonard Cohen sich zuletzt der Lage des einzelnen zuwendet.

HFR 10/2001, S. 5
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HFR 2001, S. 75
 

Fünftens: Der Rückzug der Subjekte ins Private

 

42

Um die Haltung des einzelnen im zukünftigen Staat geht es in der letzten Strophe des Liedes. Der Sänger wechselt die Perspektive und formuliert nun aus dem Betrachtungswinkel irgendeines einzelnen Menschen:

 

43

"I'm sentimental, if you know what I mean:

 

I love the country, but I can't stand the scene.

 

And I'm neither left or right

 

I'm just staying home tonight

 

getting lost in that hopeless little screen."

 

44

Er beschreibt, wie jemand, dessen Gefühl nach wie vor dem eigenen Land gehört, von dem errichteten Staat innerlich zurückweicht. Mit "country" meint Cohen Land und Leute; das Wort umfaßt seiner Bedeutung nach keine staatlichen Einrichtungen und keine Regierungsform - und erst recht nicht den Gedanken, auf dem eine Staatsordnung beruht. Die Anteilnahme am politischen Geschehen beschränkt sich, wenn überhaupt, darauf, die Gegenstände in ihrer Inszenierung durch die Medien zu verfolgen. Er mißbilligt als Beobachter die Lage des Staates und erkennt in seiner Ablehnung einen Ausschnitt einer verbreiteten Unzufriedenheit - und begreift, daß auch der gemeinsame Einfluß nicht ausreichen kann, die Entwicklung zum vermeintlich Besseren zu wenden. So verliert die Politik für ihn ihren Sinn - und sie verliert das Subjekt, das sich nicht länger bei ihrer Gestaltung engagiert.

 

45

Drei Faktoren fördern dabei die Abwendung ins Privatdasein. Eine aktive Teilhabe des privaten Subjekts am politischen Leben, wie eine Demokratie sie voraussetzt, erfordert zunächst einmal einen Staat, dessen politische Notwendigkeiten dem einzelnen noch vermittelbar sind. Wenn sich die Staatslenkung zu einer reinen Expertenarbeit hin entwickelt, ist es keine große Überraschung, daß jeder resigniert, der die Unzulänglichkeit seiner Kenntnisse entdeckt.

 

46

Hinzu kommt - zweitens - das Problem der politischen Alternativlosigkeit: welchen Grund gibt es für den Staatsbürger, die Regierung zu wählen, wenn es stimmt, was der deutsche Kanzler mehr als nur einmal behauptet hat21: daß der von ihm eingeschlagene Weg politisch vollkommen alternativlos sei? Wenn es sich so verhält, bestimmt die Wahl als das Herzstück einer Demokratie nicht länger darüber, welche Richtung die Politik einschlagen soll. Der Wähler entscheidet nur noch, wer sie machen darf. Dieser Verlust an Funktion und Prestige berührt mittelbar und unmittelbar die Wurzeln der Demokratie.

 

47

Der dritte Grund findet sich dort, wo die Möglichkeiten der politischen Identifizierung zerfließen und bis zur Unkenntlichkeit hin verwischt werden. Frühere Gegner finden sich plötzlich auf ein und derselben Seite wieder22, während hergebrachte Lager sich spalten23. Sozial denkende Konservative und ehemalige Linke rücken zusammen, wo andere liberalisieren und globalisieren. Es ist nur schwer abschätzbar, was es für eine Parteiendemokratie (sei es unsere oder sei es die amerikanische) bedeutet, wenn das durchschaubare Strickmuster einfach wiederzuerkennender und unverwechselbarer Positionen verlorengeht.

 

48

"But I'm stubborn as those garbage bags

 

that time cannot decay

 

I'm junk but I'm still holding up

 

this little wild bouquet:

 

Democracy is coming to the U.S.A."

 

49

Diese letzten Verse des Stücks zeigen einen Menschen, der standhaft, aber verloren in der beschriebenen Bewegung steht. Sein Sichsträuben entspringt der Überzeugung und ist möglicherweise identisch mit der Unfähigkeit schrittzuhalten. Er beharrt selbst dann noch, als er sich bereits an den äußersten Rand gedrängt sieht. Vielleicht weiß er sogar, daß seine Haltung sehr viele mit ihm teilen, die imstande wären, Mehrheiten zu bilden. Erhalten solche Mehrheiten eine lebendige Demokratie oder konservieren sie nur noch deren Formen, die sie kennen, mit denen sie aber seit langem nichts mehr verbindet?

HFR 10/2001, S. 6
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HFR 2001, S. 76
 

Sechstens: Die Eigentümlichkeiten Amerikas

 

50

Eine eingeschobene Strophe, die sich an die Aufzählungen des "It's coming from" anschließt, widmet sich der besonderen Lage Amerikas:

 

51

"It's coming to America first

 

the cradle of the best and of the worst.

 

It's here they got the range

 

and the machinery for change

 

and it's here they got the spiritual thirst."

 

52

Die kommende politische Form entsteht, so Cohen, zuerst dort, wo die demokratische Entwicklung seit 1776 ungebremst ihren Lauf genommen hat, in einer Konsequenz, die den Staaten Europas, welche erst nach und nach zur neuen Staatsform fanden, überlegen war. Amerika, das unter anderen Bedingungen neu organisiert werden konnte und nicht wie die alten Monarchien Europas beim Wechsel der Staatsform mit Kompromissen ringen mußte, hatte alle Voraussetzungen, eine demokratische Ordnungsform dauerhaft zu etablieren. Die amerikanische Demokratie entwickelte sich, verglichen mit den Verwicklungen bei der Demokratisierung Deutschlands und den Rückschlägen, durch die wir mehr als nur einmal hindurchgegangen sind, nahezu unter Laborbedingungen24. Und ebenso, wie sich die Demokratie in Amerika schneller und konsequenter entfaltete als irgendwo sonst, drohen ihr nun um so früher Gefahren. Die Gestalten, in denen sie herannahen, lassen sich nun schon deutlicher wahrnehmen.

 

53

In den Entscheidungen, die Amerika trifft, ist es wie kaum ein anderes Land frei und allenfalls sich selbst eine Fessel. Es besitzt seit jeher unschätzbare Vorräte an ökonomischer und finanzieller Kraft, an nutzbarem Land und an wegweisenden Ideen. Ergeben sich daraus nicht Möglichkeiten, sich selbst zu erneuern und die Staatsform, die diesen Erfolg begleitet, neu zu beleben? Cohen, so scheint es, deutet das an; doch dann konterkariert er es noch im selben Satz, wenn er zur Aufzählung hinzufügt: "and it's here they got the spiritual thirst". Denn dieser "spiritual thirst" sicherte nur so lange das Fundament einer Gesellschaft, wie deren Grundüberzeugungen unumstößlich feststanden und die Religion, mit der die Amerikaner diesen Durst stillten, bürgerlich blieb. Er rüttelt jedoch dann am Bau des Ganzen, wenn er - als Teil des Privatraums - zum Zufluchtsort wird.

 

54

"It's here the family's broken

 

and it's here the lonely say

 

that the heart has got to open

 

in a fundamental way:

 

Democracy is coming to the U.S.A."

 

55

Nach seiner Bemerkung zur spirituellen Sehnsucht bezeichnet der Sänger nun den nächsten Ausschnitt aus dieser Vielzahl von Umständen, die in Amerika die Form des zukünftigen Staates entscheiden: die immer stärker sich verlierende Eingebundenheit in die Familien. Der freiheitliche Staat beruht seiner Idee nach auf dem Bild von einem Menschen, der mit dieser Freiheit umgehen kann. Er selbst kann seinen Bürgern diese Fähigkeit nicht verleihen: ein verantwortungsvoller Umgang mit Freiheit ergibt sich in erster Linie aus einer verantwortungsbewußten Erziehung25. Was dabei innerhalb der Familie geleistet wird, kann kein Staat ersetzen. Die Psychologie hat die Defizite und deren Folgen seit langem schon erfaßt und ins öffentliche Bewußtsein gerückt; die Soziologie hat die Auswirkungen aufs Ganze beschrieben. Wer die Bindungen der Familie verloren hat, kann - wenn er darauf angewiesen ist - nur auf die Hilfe der anderen hoffen. Wenn er dann, wie Cohen im letzten Vers, davon spricht, daß sie sich öffnen müßten, sollte ihm klar sein, daß ihn - wenn überhaupt - nur die verstehen, die sich in gleicher Lage befinden.

HFR 10/2001, S. 7
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HFR 2001, S. 77
 

Siebtens: Cohens Staatsbild

 

56

Aus den beschriebenen Einzelgesichtspunkten läßt sich das Bild, das Leonard Cohen vom Staat entwirft, bereits ein Stück weit zusammensetzen. Im Refrain von "Democracy" hat ihm der Sänger einen noch deutlicheren Ausdruck verliehen:

 

57

"Sail on, sail on, o mighty Ship of State!

 

To the shores of Need

 

Past the Reefs of Greed

 

Through the Squalls of Hate."

 

58

Er bedient sich des alten Bildes vom Staat als gewaltigem Schiff, das dorthin gelangen muß, wo diejenigen warten, die seiner Fracht bedürfen. Wenn es diesen Kurs verliert und die Küste nicht erreicht, verfehlt es den Zweck seiner Fahrt. Der Staat - so läßt sich das Bild übersetzen - ist eingerichtet, um diejenigen zu unterstützen, die in einer dem freien Spiel ihrer Kräfte überlassenen Gesellschaft nicht zu ihrem Recht gelangen würden. Wieder rückt Cohen die Gefahren in den Mittelpunkt, die das Schiff zugrunde zu richten drohen. Je knapper die Ladung wird, die unter den Bedürftigen verteilt werden kann, desto eher neigen auch die Piraten dazu, das vorüberfahrende Schiff zum eigenen Vorteil auszuplündern. Gefahr droht ihm auch von Turbulenzen in seinem Inneren her, wenn die einzelnen Gruppen der Passagiere an Bord damit beginnen, nach ihren eigenen Regeln um den Platz auf der Kommandobrücke zu kämpfen. Und es muß auch die Enttäuschung derer aushalten, die von ihm nicht das Erwartete (oder nicht genug davon) erhalten haben.

 

59

Ist der Staat, wie der Sänger ihn beschreibt, überhaupt noch ein großes und mächtiges Schiff - oder ist er ein leckgeschlagenes Boot, dessen Tage über Wasser gezählt sind? Wenn Cohen die Faktoren nennt, die den gegenwärtigen Staat in seiner freiheitlichen und demokratischen Verfassung angreifen, schließt er nicht aus, daß in einer nicht allzufernen Zukunft ein überholtes Schiff mit neuer Mannschaft unter anderer Flagge in See stechen könnte, das sich auf einen neuen Kurs begibt. Bereits jetzt ändern sich einige Züge im Antlitz des Leviathan: der Staat beginnt, im Bereich seiner eigenen, inneren Sicherheit verlorenes Terrain zurückzugewinnen; er kommt aus seiner Zurückgezogenheit hervor und zeigt deutlicher als bisher seine Präsenz.

 

60

Die jüngsten Ereignisse in Amerika führen nun ganz unmittelbar zur Frage, wieviele Angriffe eine freiheitliche Ordnung übersteht, ohne bei deren Abwehr die Substanz ihrer eigenen Freiheit (die Grundrechte, der wirksame Rechtsschutz dem Staat gegenüber) zu verletzen26? Oder eben: wie freiheitlich kann ein Staat noch sein, der imstande ist, es mit den Terroristen vom 11. September aufzunehmen? Besteht nicht doch die Gefahr, daß er zerstört, was er verteidigt?

 

61

Zu den Staatsfunktionen der Gegenwart gehört es auch, die auseinanderstrebenden Tendenzen der Gesellschaft zusammenzuhalten27 und sie, so gut es geht, zu einem gestaltbaren Ganzen zu integrieren28. Sein Gewaltmonopol sichert die Dämme, wo der allgemeine Konsens über die Grundfragestellungen der Gesellschaft bricht29. Der Wandel, den Leonard Cohen beschreibt, deutet nicht notwendigerweise auf einen geschwächten Staat; er zeigt in erster Linie eine sich einschleichende Veränderung der Grundlagen unserer Staatsform30. Seinen Pessimismus zu Ende gedacht, führt uns die Geschichte zu einem Gemeinwesen, aus dem sich der Bürger als Träger der Staatsgewalt verabschiedet hat.

HFR 10/2001, S. 8
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HFR 2001, S. 78
 

Achtens: Die Veränderung der Form als gesetzmäßiges Wechselspiel

 

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Indem Leonard Cohen die Umstände umreißt, die zum Formenwandel führen und ihn ankündigen, entwirft er, so scheint es, ein Muster von bestimmten Ursachen und ihrer Wirkung. Daß diese Ursachen, wenn überhaupt, nur vorletzte Gründe des Geschehens sind, zeigen die Verse der fünften Strophe, in denen der Sänger die Frage nach dem eigentlichen Woher abweist:

 

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"It's coming like the tidal flood

 

beneath the lunar sway

 

imperial, mysterious

 

in amorous array:

 

Democracy is coming to the U.S.A."

 

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Die heraufziehende politische Form erscheint hier als Teil eines Wechselspiels, das die Gestaltungsmuster der Staatsorganisation emporsteigen und wieder versinken läßt31. Die Geschichte der Staaten vollzieht sich danach aufgrund einer transzendenten Gesetzmäßigkeit, die wir allenfalls erkennen dürfen, ohne sie beeinflussen zu können. Diese von Cohen gezeichnete Vorstellung erinnert sehr deutlich an die überwunden geglaubten Geschichtsphilosophien eines Oswald Spengler oder eines Arnold Toynbee32. Danach lösen mit den Entwicklungsstadien einer Kultur auch die Staats- und Herrschaftsformen einander unweigerlich und unbeeinflußbar ab33, geht eines aus dem anderen gesetzmäßig hervor, auch wenn es die alten Formen zunächst scheinbar wahrt.

 

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Wiederum verbirgt sich Cohen - dies muß gegen Mißverständnisse hervorgehoben werden - hinter seinen Versen, die scheinbar ein Stück weit im Geist dieser Philosophie stehen. Bekunden sie Cohens eigene, ernstgemeinte Sicht oder führen sie einen fremden, in den Zusammenhang sich einfügenden Erklärungsversuch vor, der dem sich zurückziehenden einzelnen als Ausrede für die eigene Untätigkeit dient? Beides ist vorstellbar: der Sänger verbirgt seine Sicht. Das Lied zeigt ihn als Beobachter, dessen Begabung es ist, eher als andere die Erscheinungen des Umbruchs im gesellschaftlichen und politischen Leben zu erkennen und die daraus sich ergebende Perspektive zu bestimmen. Die Resignation und der Sarkasmus, die aus den Versen von "Democracy"34 und nicht zuletzt aus ihrer Vortragsweise sprechen, lassen vermuten, daß Cohen nicht an seinen Einfluß auf das Geschehende glaubt.

HFR 10/2001, S. 9
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HFR 2001, S. 79
 

Neuntens: Cohens Staatsbild an der Schwelle zur Utopie

 

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Das in "Democracy" entworfene Bild ist in einem genau genommenen Sinn keine Utopie35. Die Umstände, die Cohen anführt, sind die Determinanten unserer Gegenwart; er sammelt und ordnet die Anzeichen, die auf das Kommende hinweisen. Wenn er dann "Democracy" sagt, ohne es meinen zu können (weil die Umstände nicht die Demokratie, sondern deren Gegenteil stärken), so zwingt er seine Hörer zur Überlegung, wie die Folge dieser Symptome aussehen könnte. Die Gestalt des künftigen Staates daraus zu schlußfolgern, überläßt er jedem selbst; er geht in seinen Versen bis an die Schwelle der Utopie, ohne hinüberzutreten. Cohen erhebt durch die geordnete Aufhäufung der Bruchstücke sein Publikum, bis es imstande ist, über den bisherigen Horizont hinaus ein Stück weit auf das, was vor ihm liegt, zu blicken. Jeder, der die von Cohen arrangierten und in Formeln gegossenen Andeutungen interpretieren kann, wird in die Lage versetzt, seine eigene Utopie zu entwerfen und sich auszumalen, was Konsequenz dieser Entwicklungen ist, deren Voranschreiten bereits beobachtet werden kann.

 

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Die Hinweise, die er gibt, deuten auf einen durch und durch pragmatischen Staat, der sich auf die Aufrechterhaltung der allgemeinen Sicherheit beschränkt, die seine ganze Kraft bindet. Seine Macht dient keiner wie auch immer gearteten Ideologie und immer weniger überhaupt noch einer Idee. Die Menschen, die in ihm leben, ziehen die Sicherheit und den Freiraum im Privaten36 den Mitgestaltungsrechten und der Freiheit im ganzen vor. Es ist die beunruhigende Utopie einer zersplitterten und vom Staat wieder gelösten Gesellschaft.

HFR 10/2001, S. 10
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HFR 2001, S. 80
 

Zehntens: Cohens Entwurf als Warnung und als Ausdruck der Resignation

 

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Konfrontiert mit dem Bild, das nachzuzeichnen hier versucht wurde, gelangt man zuletzt, wenn man sich noch einmal der Haltung des Sängers zuwendet, zur Frage seiner Intention. Handelt es sich bei den Versen von "Democracy" um die aus einer Besorgnis heraus geäußerte Warnung, daß wir endlich damit beginnen müssen, unsere Erbschaft, die Freiheit, und die mit ihr verbundene demokratische Form des Staates gegen die Gefahren zu verteidigen, die wir ihr selbst bereiten? Lenkt er nur unsere Blicke, die wir auf die äußerlich erkennbaren Feinde dieser Ordnung heften, in eine Richtung, aus der viel wahrscheinlicher als durch den Fanatismus von Terroristen der Verlust des Errungenen droht? Er erinnert uns an uns selbst und die Folgen unserer eigenen Lebensweise, die der Freiheit den Boden entziehen. Vielleicht sieht Cohen auch, wie die falsche Verteidigung gerade dasjenige zerstört, was sie schützen sollte.

 

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Die letzten Verse des Stücks (hier seien sie noch einmal wiederholt) bezeichnen einen vordergründigen und insgeheim vielleicht noch von einem Rest Hoffnung getragenen Trotz - ebenso wie eine dunkle und unterschwellige Resignation:

 

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"I'm stubborn as those garbage bags

 

that time cannot decay

 

I'm junk, but I'm still holding up

 

this little wild bouquet:

 

Democracy is coming to the U.S.A."

 

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Wer so spricht, steht als ein einzelner vor uns, der sich sehr unzeitgemäß dem von ihm erkannten Gang der Geschichte entzieht. Obgleich er es unausgesprochen lassen muß, ist zu spüren, wie sehr er das Kommende auch fürchtet37. Erwartet er demzufolge mit Gewißheit, daß sich die von ihm vorhergesehene Welt gegenüber der jetzt noch uns begegnenden endgültig durchsetzen wird? Wenn dem so ist, verdanken wir es Leonard Cohens mitleidiger Rücksicht, daß er uns in seinen Versen am Ende doch die Freiheit läßt, seinen Text auch anders - als Sorge, sich gründend auf den letzten Rest einer Hoffnung - zu verstehen. Uns selbst bleibt zu wünschen, daß "Democracy" beginnt, seine Hörer zu beunruhigen.

 
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1 Es ist bezeichnender Umstand, daß die Ausdrucksform des literarischen Realismus der Roman ist, in Form einer Schilderung, die aus bestimmten Gründen heraus ein Geschehen entwickelt. Romanen außerhalb des Realismus (als Darstellungsform, nicht als Epochenbegriff) ist eine Erzählweise, die den Blick auf Ursächlichkeiten und ihre gesetzmäßige Wirkung richtet, zumeist fremd.

2 Für sie ist die Hinwendung zur Lyrik (und damit fast zwangsläufig zur Metapher) in besonderer Weise charakteristisch. In den Romanen und Bühnenstücken, die sie hervorbrachten, haben sie nicht selten die Handlung selbst zur Metapher und zum Gleichnis gemacht (Novalis, Kafka, Claudel). Mit realistisch-exemplarischer Darstellung haben diese Dichtungen nichts zu tun.

3 Vgl. dazu die Definitionen der Formel - in allgemeinem, aber auch in naturwissenschaftlichem Zusammenhang. Die Ausführungen hier stützen sich u.a. auf die Erläuterungen des Begriffs in: Meyers Neues Lexikon, Zweite Auflage in 18 Bänden, Leipzig 1973.

4 In diesem Sinn ist auch der abstrakte Rechtssatz Formel. Auch dieser kennzeichnet auf der Tatbestandsseite mit mehr oder weniger allgemeinen und abstrakten Begriffen das von ihm zu erfassende Geschehnis, an das er eine bestimmte Folge knüpft.

5 Ein wenig deutlicher verhält es sich dort, wo über die Gründe der Macht spekuliert wird. So notierte beispielsweise Carl Schmitt am 24.11.1947 in seinem Tagebuch: "Die Macht ist und bleibt Geheimnis. Die öffentliche Macht ist das undurchdringlichste Geheimnis." Glossarium, Aufzeichnungen der Jahre 1947-1951, hrsg. von Eberhard Freiherr von Medem, Berlin 1991.

6 Peter Sloterdijk hat im Zusammenhang mit einem älteren Stück des Sängers von einer "leisgewordenen Aufklärung" gesprochen (Kritik der zynischen Vernunft, Erster Band, Frankfurt am Main 1983, S. 183). Ob es den Charakter der gemeinten Verse trifft, sei dahingestellt. Verallgemeinern läßt es sich jedenfalls nicht.

7 Oder beides in einem, im Sinne der Verse von Franz Grillparzer: "Ich komme aus anderen Zeiten / Und hoffe in andre zu gehn." Nach: Grillparzers Werke in drei Bänden, 1. Band, Berlin/Weimar 1967, S. 43.

8 Während der im Booklet wiedergegebene Text "secret room" lautet, ist auf der CD "mirrored room" zu verstehen.

9 "Reaktion" in zweierlei Sinn.

10 Das Sichverschwenden ist in der Literatur ein altes und unzählig oft wiederkehrendes Motiv. So ist beispielsweise in dem 1952 erschienenen Roman "Las Casas vor Karl V." von Reinhold Schneider zu lesen: "[Ich ahnte] ein im Grunde unbegreifliches Leben, das auf eine ganz andere Weise als das unsere blühte und verging, ohne etwas zu wollen" (S. 67) und "So wurde der Riß in meinem Leben immer tiefer; etwas war in mir, das allem, was ich tat und erwarb, widersprach, und ich konnte diesen Widerspruch [...] nicht aus meinem Herzen reißen" (S. 72). Zitiert nach der Taschenbuchausgabe, Frankfurt am Main 1990. "La vida es sueño" lautet der Titel eines Dramas von Calderón, das Franz Grillparzer zu seinem Stück "Der Traum ein Leben" inspirierte.

11 Sie konstituiert sich im Grunde überhaupt erst aus der aktiven Gestaltung und kann nicht aufgezwungen werden.

12 Wer sich in diese Richtung weiterbewegt, gelangt sehr schnell zu einer Position wie derjenigen des Fürsten Clemens von Metternich, der Ordnung als unabdingbare Voraussetzung der Freiheit verstand. Siehe z.B.: Ordnung und Gleichgewicht, Ausgewählte Schriften, Wien/Leipzig 1995, S. 74. Das konservative Denken hat diesen Standpunkt bis heute behauptet.

13 "Ich übergebe mein Recht, mich selbst zu beherrschen, diesem Menschen oder dieser Gesellschaft unter der Bedingung, daß Du ebenfalls dein Recht über dich ihm oder ihr abtrittst." (Leviathan, 17. Kapitel - zitiert nach der Übersetzung von J.P.Mayer, Stuttgart 1970).

14 Nach C. Schmitt, Glossarium, 18.11.47.

15 Vgl. z.B. Montesquieu, Vom Geist der Gesetze, V, 3.

16 Ein Zusammenhang, den bereits Alexis de Tocqueville erkannt und dessen Gefahr er in einer Weise beschrieben hat, der bis heute nichts hinzuzufügen ist. Vgl. "Über die Demokratie in Amerika", 2. Band, II. Teil, 20. Kapitel: "Je mehr sich so [infolge der Industrialisierung - S.H.] die Masse der Nation der Demokratie zuwendet, desto aristokratischer wird die besondere Klasse, die die Industrie leitet. In der einen werden die Menschen immer gleicher, in der anderen immer ungleicher; die Ungleichheit wächst in den höheren Schichten in demselben Verhältnis, wie sie in der Masse abnimmt. So sieht man, steigt man zur Quelle hinab, die Aristokratie von selbst aus dem Schoße der Demokratie hervortreten." Am Ende dieses Kapitels heißt es: "Jedenfalls werden die Freunde der Demokratie hierauf immer ihre Blicke besorgt lenken; denn wenn jemals die dauernde Ungleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen und die Aristokratie erneut ihren Einzug in die Welt halten, so kann man voraussagen, daß sie durch dieses Tor einmarschieren werden." Zitiert nach der von J.P.Mayer herausgegebenen Übersetzung, Stuttgart 1985.

17 Die hohe Ethik der Bergpredigt in ihrer unerhörten Konsequenz hat die Glaubensgemeinschaften stets zu Kompromissen gezwungen, ganz besonders aber die reformierten Kirchen, deren Zugeständnisse von Anfang an die Gesellschaft Amerikas prägten. Vgl. näher E. Troeltsch, Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen, Teilband II, Neudruck Tübingen 1994, S. 802 ff. und öfter.

18 Zu dieser Art "Gehorsam gegen das Realitätsprinzip" P. Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft, Zweiter Band, Frankfurt am Main 1983, S. 589 ff.

19 Demokratische Gleichheit ist substanzielle Gleichheit (C. Schmitt, Verfassungslehre, S. 228). Ihre Substanz ändert sich mit dem Wandel der Gesellschaften; sie kann physische und moralische Gleichartigkeit ebenso bedeuten wie die Gleichartigkeit einer religiösen Überzeugung (C. Schmitt, a.a.O., S. 228 ff.). Sie fehlt, wenn eine Gesellschaft, die von materiellen Gesichtspunkten in einem alles entscheidenden Maß geleitet wird, die Gleichheit im Materiellen - oder wenigstens in der Chance, sich dieses zu sichern - verliert.

20 Nach einer von C. Schmitt in anderem Zusammenhang gebrauchten Formulierung (Glossarium, 17.8.49).

21 Schröder erklärte am 4.9.1999 nach den Wahlverlusten seiner Partei in Brandenburg und im Saarland: "Unser radikales Sparprogramm ist in der Bevölkerung nicht auf Zustimmung gestoßen. Wir werden aber daran festhalten, weil es keine, aber auch gar keine Alternative dazu gibt." - Für Amerika gilt im Grunde nichts anderes. So sagte jüngst der US-amerikanische Schriftsteller Gore Vidal in einem Interview, daß es bei der letzten Wahl um zwei Personen und nicht um zwei Programme gegangen sei (kulturSPIEGEL 10/2001, S. 29).

22 Der Papst grüßte am 8.7.2001 dreitausend katholische Jugendliche, die an den Protesten der Globalisierungsgegner zum G-8-Gipfel in Genua teilnahmen. Sie demonstrierten dort Seite an Seite mit deutschen Autonomen, der sozialistischen Internationale und Angehörigen verschiedener nationaler Befreiungsbewegungen. - Ein weiteres anschauliches Beispiel ist die beabsichtigte NPD-Beteiligung an "Friedensdemonstrationen" gegen die amerikanisch-britischen Luftangriffe auf die Taliban im Oktober 2001.

23 Der Rücktritt des damaligen Finanzministers Oskar Lafontaine im Jahr 1999 hat diese Entwicklung markant veranschaulicht. Die deutsche Sozialdemokratie stand vor der Entscheidung, Schröders Liberalisierungskurs mitzugehen, auch wenn er sich von den Ansprüchen der alten Partei entfernt, oder (um welchen Preis?) dieser Tendenz zugunsten einer scheinbaren Verteidigung der Ideale entgegenzutreten.

24 Von einem "Bild der reinen Demokratie" spricht auch Alexis de Tocqueville (Über die Demokratie in Amerika, Einleitung zum ersten Band). Bei ihm findet sich auch die Formulierung, in Amerika herrsche eine "ihren Neigungen überlassene, ja fast hemmungslos ihren Instinkten preisgegebene Demokratie".

25 Aufschlußreich hierzu Montesquieu, Vom Geist der Gesetze, IV, 5.

26 Siehe hierzu das bereits erwähnte Interview mit Gore Vidal (kulturSPIEGEL 10/2001, S. 27 f. Er sagt dort: "Ich glaube, dass als Folge der jetzigen Krise die Grundrechte der amerikanischen Bürger eingeschränkt werden und wir auf einen Polizeistaat zusteuern."

27 "Things are going to slide in all directions" heißt es im Song "The future".

28 Der Staatszweck Integration geht über das hinaus, was sein erster Theoretiker Rudolf Smend damit verbunden hat. Der Staat wird zum konkreten und praktischen Garanten der Integration; er muß sie erzwingen, wo Gruppen sich ihr entziehen.

29 Interessante Parallelen eröffnen sich, wenn man sich vergleichbare Tendenzen in der Geschichte der römischen Republik vor Augen führt. Prägnant dargestellt bei Tacitus, Annalen III, 26 ff.

30 Von Interesse ist in diesem Zusammenhang noch die Bemerkung Montesquieus (Vom Geist der Gesetze, VII, 8), daß öffentliche Unkeuschheit unter einer Volksregierung als das schlimmste Unglück aufgefaßt werden kann. Dann heißt es: "Mit Gewißheit [!] deuten sie auf einen Wechsel der Staatsform hin." Zitiert nach der Übersetzung von K. Weigand, Stuttgart 1965.

31 In "The future" heißt es: "I've seen the Nations rise and fall, I've heard their stories, heard them all."

32 Insbesondere der erste hat die großen Kulturen mitsamt den von ihnen entwickelten Staatsformen als aufblühende und nach ihrer Zeit wieder erlöschende Erscheinungen gedeutet, innerhalb derer jede Struktur, in der sich ein Gemeinwesen organisiert, einen Abschnitt seiner gesetzmäßigen Entwicklung kennzeichnet. Siehe dazu das Kapitel "Der Staat" im Zweiten Band von Spenglers Hauptwerk "Der Untergang des Abendlandes", insbesondere den II. Abschnitt: "Staat und Geschichte".

33 Der Untergang des Abendlandes, S. 1101 ff. Zitiert nach der dtv-Taschenbuchausgabe, 13. Auflage, München 1997.

34 Wenn er etwa "Democracy" als das Kommende den Geschehnissen gegenüberstellt, die geeignet sind, die demokratische Staatsform zu ruinieren.

35 "Utopie" hier im Sinn der Darstellung einer künftigen gesellschaftlichen Ordnung, wie wir sie bei Morus, Butler, Orwell oder Huxley finden.

36 Eine Haltung, wie sie in "The future" beschrieben wird: "Give me back my secret life."

37 "I've seen the future, baby, it is murder" (The future).


 
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