Inhalte
- Irrtum 1: „Anonyme Bewertungen kann man ohnehin nicht löschen“
- Irrtum 2: „Eine Meinung darf jeder äußern, also bleibt die Bewertung stehen“
- Irrtum 3: „Der Melde-Button erledigt das Problem“
- Irrtum 4: „Das kostet ein Vermögen“
- Irrtum 5: „Die Rechtsschutzversicherung zahlt das sowieso“
- Was Arbeitgeber tun sollten, wenn die Bewertung nicht löschbar ist
- Kurz-Check: Lässt sich diese Kununu-Bewertung löschen?
Rund 1.000 neue Bewertungen gehen bei Kununu täglich ein, mehr als sechs Millionen stehen bereits online. Die meisten sind ehrlich. Ein kleiner Teil ist erfunden, stammt von Personen, die nie im Unternehmen gearbeitet haben, oder enthält Behauptungen, die schlicht falsch sind. Wer eine solche negative Kununu Bewertung löschen lassen will, stößt schnell auf Halbwissen. Dieser Beitrag räumt mit fünf verbreiteten Irrtümern auf und zeigt, welche Rechte Arbeitgeber tatsächlich haben, wie das Vorgehen gegenüber Kununu abläuft und wann die Rechtsschutzversicherung die Kosten für den Anwalt trägt.
Irrtum 1: „Anonyme Bewertungen kann man ohnehin nicht löschen“
Das Gegenteil ist seit 2024 Rechtslage. Das Hanseatische Oberlandesgericht hat am 8. Februar 2024 (Az. 7 W 11/24) entschieden, dass Kununu eine beanstandete Bewertung so weit individualisieren muss, dass der Arbeitgeber den behaupteten Beschäftigungskontakt überprüfen kann. Gelingt das nicht, muss die Plattform die Rezension entfernen. Eine rein interne Prüfung durch Kununu reicht dem Gericht nicht aus. Das Verfahren wurde 2025 in der Hauptsache rechtskräftig.
Für Arbeitgeber bedeutet das: Bestreitet das Unternehmen plausibel, dass der Verfasser jemals dort beschäftigt war, kippt die Beweislast. Kununu muss dann Belege für das Arbeitsverhältnis liefern oder die Bewertung löschen. Genau dieser Nachweis fehlt bei Fake-Bewertungen naturgemäß. Eine negative Kununu Bewertung ohne echten Mitarbeiter dahinter hat vor Gericht keinen Bestand mehr.
Der Grundgedanke ist nicht neu. Schon 2016 hat der Bundesgerichtshof für Bewertungsportale festgelegt, dass der Betreiber nach einer Beanstandung den Verfasser zur Stellungnahme auffordern und Belege für den Kontakt anfordern muss. Nachzulesen ist das in der Pressemitteilung des BGH zum Urteil VI ZR 34/15. Die Hamburger Entscheidung überträgt diese Prüfpflichten auf Arbeitgeberportale und verschärft sie.
Irrtum 2: „Eine Meinung darf jeder äußern, also bleibt die Bewertung stehen“
Zum Teil stimmt das. Wer sein Unternehmen bewerten will, darf das, denn Meinungsäußerungen sind durch Artikel 5 Grundgesetz geschützt, auch wenn sie unbequem, überspitzt oder ungerecht sind. „Das Betriebsklima war mies“ ist Kritik, mit der ein Unternehmen leben muss. Eine schlechte Bewertung ist also nicht automatisch unzulässig. Drei Fallgruppen fallen aber nicht unter diesen Schutz:
| Fallgruppe | Beispiel aus der Praxis | Rechtliche Einordnung |
|---|---|---|
| Unwahre Tatsachenbehauptung | „Das Gehalt wurde drei Monate nicht gezahlt“ (obwohl pünktlich überwiesen) | Beweisbar falsche Tatsachen, rechtswidrig (§ 824 BGB, üble Nachrede nach § 186 StGB) |
| Schmähkritik und Beleidigung | Persönliche Herabwürdigung einzelner Führungskräfte ohne Sachbezug | Nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt (§ 185 StGB) |
| Fehlender Beschäftigungsbezug | Bewertungen von Personen, die nie dort gearbeitet haben | Verstoß gegen die Kununu-Richtlinien und das Unternehmenspersönlichkeitsrecht |
Dazu kommt eine vierte Gruppe, die Kununu selbst in seinen Richtlinien ausschließt: die Veröffentlichung firmeninterner Informationen oder personenbezogener Daten, etwa Gehälter namentlich genannter Kollegen oder Inhalte aus vertraulichen Gesprächen. Solche Inhalte entfernt Kununu in der Regel schon, wenn Arbeitgeber sie melden.
Die Abgrenzung zwischen Tatsache und Meinung entscheidet den Fall. Eine Tatsachenbehauptung lässt sich mit Beweismitteln überprüfen: Gehaltsabrechnungen, Zeugnisse, Arbeitszeitkonten. Eine Meinung nicht. Wer eine Kununu Bewertung entfernen lassen will, sollte deshalb Satz für Satz prüfen, welche Aussagen beweisbar falsch sind. Genau diese Passagen sind der Hebel für die Löschung.
Irrtum 3: „Der Melde-Button erledigt das Problem“
Der Button „Bewertung melden“ unter jeder Rezension ist der kostenlose erste Schritt, aber selten der letzte. Was dabei häufig schiefgeht:
- Die Meldung ist zu dünn. Kununu verlangt eine konkrete Begründung, warum die Bewertung gegen Richtlinien oder geltendes Recht verstößt. „Stimmt nicht“ genügt nicht.
- Die Prüfung endet mit einer Stellungnahme des Verfassers. Bestätigt dieser seine Angaben, bleibt der Eintrag oft online, obwohl der Arbeitgeber die Beschäftigung bestreitet.
- Die Bewertung kehrt zurück. Eine Meldung löst nur die Prüfpflicht nach Artikel 16 des Digital Services Act aus. Sie bindet das Portal nicht dauerhaft. Ein gerichtlicher Unterlassungstitel dagegen schon. Wie der Weg von der anwaltlichen Beanstandung über die einstweilige Verfügung bis zum vollstreckbaren Titel gegen Kununu aussieht, lässt sich bei einer auf Bewertungsrecht spezialisierten Kanzlei dazu mehr lesen.
- Die Beweise fehlen. Wer vor der Meldung keinen Screenshot mit Datum und URL sichert, hat später nichts in der Hand, falls der Text nachträglich geändert wird.
Ein gut begründetes anwaltliches Schreiben an Kununu nennt die konkreten Textpassagen, ordnet sie als falsche Behauptung oder Schmähkritik ein und setzt eine Frist von typischerweise vier bis zehn Tagen. Erst wenn das Portal darauf nicht reagiert oder die Löschung der Bewertung verweigert, wird das Eilverfahren vor dem Landgericht Hamburg relevant. Dort hat Kununu seinen Gerichtsstand.

Wie lange dauert es, bis Kununu eine Bewertung löscht?
Nach einer einfachen Meldung antwortet Kununu meist innerhalb von ein bis zwei Wochen, weil der Verfasser Gelegenheit zur Stellungnahme bekommt. Auf ein anwaltliches Schreiben mit Fristsetzung reagiert Kununu häufig schneller, weil eine ausbleibende Antwort das Risiko eines Verfügungsverfahrens erhöht. Das Eilverfahren selbst dauert je nach Kammer wenige Tage bis wenige Wochen. Wer die Bewertung erst nach Monaten angreift, verspielt die Dringlichkeit und damit den Weg der einstweiligen Verfügung.
Irrtum 4: „Das kostet ein Vermögen“
Die Kosten hängen davon ab, auf welcher Stufe der Fall endet:
- Außergerichtliche Beanstandung: Viele Kanzleien arbeiten hier mit Festpreisen oder rechnen nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz (RVG) ab. Manche bieten eine kostenlose Ersteinschätzung an, ob die Bewertung überhaupt angreifbar ist. Der Streitwert liegt bei Bewertungsstreitigkeiten meist um 10.000 Euro pro angegriffener Bewertung.
- Einstweilige Verfügung: Gerichtskosten und Anwaltsgebühren richten sich nach dem Streitwert. Unterliegt Kununu, zahlt das Portal nach § 91 ZPO.
- Hauptsacheverfahren: Nur selten nötig, weil die Plattform nach einer verlorenen Verfügung meist nachgibt. So geschehen auch im Hamburger Verfahren, in dem Kununu die Berufung zurücknahm.
Was oft unterschätzt wird: der Preis einer stehengelassenen Fake-Bewertung. Ein unberechtigter Eintrag mit einem Stern wirkt auf jeden Bewerber, der das Profil aufruft, und drückt den Durchschnitt des Unternehmens. Bei schwer zu besetzenden Stellen summiert sich das schneller als jede Anwaltsrechnung. Wer ohnehin regelmäßig mit rechtlichen Konflikten im Betrieb zu tun hat, sollte sich die typischen Streitfälle im Geschäftsalltag ansehen, zu denen Angriffe auf den guten Ruf inzwischen gehören.
Irrtum 5: „Die Rechtsschutzversicherung zahlt das sowieso“
Die Antwort fällt je nach Vertrag unterschiedlich aus.
- Private Rechtsschutzversicherung: Deckt den Fall in aller Regel nicht. Die Bewertung betrifft das Unternehmen, nicht die Privatperson. Selbst wenn ein Geschäftsführer namentlich angegriffen wird, ordnen Versicherer den Streit meist dem beruflichen Bereich zu.
- Firmenrechtsschutz im Grundtarif: Unterlassungsansprüche gegen Dritte sind in vielen älteren Verträgen ausgeschlossen. Abgedeckt ist dort klassisch der Schadenersatz-Rechtsschutz, also die Durchsetzung eigener Ersatzansprüche.
- Bausteine für Internet- oder Reputationsschutz: Neuere Firmentarife bieten Erweiterungen, die ausdrücklich die Entfernung rechtswidriger Bewertungen und Persönlichkeitsrechtsverletzungen im Netz einschließen. Mit einem solchen Baustein ist die anwaltliche Beanstandung inklusive Eilverfahren versichert.
Vor der Mandatierung empfiehlt sich eine Deckungsanfrage beim Versicherer. Dabei ist der Zeitpunkt des Rechtsschutzfalls wichtig: Die Bewertung muss nach Vertragsbeginn und nach Ablauf einer eventuellen Wartezeit veröffentlicht worden sein. Lehnt der Versicherer ab, ist das kein Endpunkt. Welche Möglichkeiten dann bleiben, beschreibt der Beitrag zur Verdachtsberichterstattung im Internet und der Rechtsschutzversicherung, denn die Mechanik ist dieselbe: Deckungszusage einholen, bei Ablehnung Stichentscheid oder Schlichtung nutzen.

Was Arbeitgeber tun sollten, wenn die Bewertung nicht löschbar ist
Nicht jede schlechte Bewertung auf Kununu ist rechtswidrig. Harte, aber zulässige Kritik lässt sich nur auf einem Weg entschärfen: durch eine sachliche Antwort über die Kommentarfunktion von Kununu. Wer dort ruhig bleibt, Fakten richtigstellt und Verbesserungen benennt, gewinnt bei Bewerbern mehr als mit einer gelöschten Rezension. Zugleich hilft es, zufriedene Mitarbeiter um ehrliche Bewertungen zu bitten. Ein einzelner negativer Eintrag verliert zwischen zwanzig positiven Bewertungen schnell an Gewicht.
Ein Punkt zur Gegenseite: Auch Mitarbeiter sollten wissen, was passiert, wenn eine unwahre Bewertung gelöscht und der Verfasser identifiziert wird. Dann drohen Abmahnung, Unterlassungserklärung und im Extremfall die Kündigung. Welche Rechte Beschäftigte in solchen Konflikten haben, zeigt der Ratgeber zu Kündigung, Abmahnung und Streit im Job.
Kurz-Check: Lässt sich diese Kununu-Bewertung löschen?
Vier Fragen, die vor jedem weiteren Schritt wichtig sind:
- Enthält der Text eine überprüfbare Behauptung, die nachweislich falsch ist?
- Gibt es Formulierungen, die eine Person herabwürdigen, ohne einen Sachbezug zu haben?
- Kann das Unternehmen plausibel bestreiten, dass der Verfasser dort beschäftigt war?
- Liegt ein Screenshot mit Datum und URL vor?
Wer mindestens eine der ersten drei Fragen mit Ja beantwortet und die vierte erledigt hat, hat gute Erfolgsaussichten, die Kununu-Bewertung löschen zu lassen. Die Rechtsprechung aus Hamburg hat die Position der Arbeitgeber deutlich gestärkt. Entscheidend ist eine gute Begründung, am besten mit anwaltlicher Hilfe, und die vorherige Klärung, ob der Firmenrechtsschutz einspringt.
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